+++ Update +++
mindsaver.de jetzt mit drei kleinen Neuerungen:
Der "★" kennzeichnet jetzt längere Artikel zu verschiedenen Themen.
Unter "Aktuelles" finden sich ab sofort neue Kommentare und aktuelle Neuigkeiten zu den Themen Kreationismus, Fundamentalismus und Evolution. Außerdem haben wir nun eine Rubrik für interessante Fundstücke aus dem Netz für euch.
"It's hard to make up your bed while you're still sleeping in it.
Hard to make up your mind for the same reason"
― Robert Brault
Betrachtet man religiöse Schriften, so kann man sie in sehr unterschiedlicher Weise interpretieren. Dabei geht jeder Mensch anders vor. Es gibt solche, die das Gute aus einer Schrift zu isolieren wissen - und solche, deren Fähigkeit zur Abstraktion völlig verkümmert ist, da ihr Glaube auf dem Wortlaut der Schrift beruht.
Die Gefahren einer solchen Weltanschauung sind mannigfaltig. Es geht zum einen um die menschenfeindlichen Inhalte der heiligen Schriften. Das Menschenbild, welches fundamentaler Monotheismus vermittelt, ist leider alles andere als fortschrittlich und humanistisch. Das Recht des Individuums auf Selbstbestimmung wird ignoriert, der Mensch ist per se schlecht und der Sünde verfallen.
Zum anderen geht es um die Freiheit der Wissenschaft und die damit verbundene objektive Forschungsarbeit. Ein starkes Vertrauen in den Wahrheitsgehalt der heiligen Schriften der monotheistischen Religionen und eine damit einhergehende Ablehnung der Evolutionstheorie wird als Kreationismus bezeichnet. Bei der Ablehnung der Evolution und deren Deklaration als Glaubensfrage wird versucht eine naturwissenschaftliche Theorie in den Bereich der Religion zu verschieben, da es nicht gelingt den eigenen Schöpfungsglauben empirisch zu begründen. Hierbei wird die Wandelbarkeit (wie sie naturgemäß jeder naturwissenschaftlichen Theorie innewohnt) der Evolutionstheorie unterschlagen.
Eine Sicht auf die Welt, wie sie der Kreationismus vertritt, fördert nicht die Neugier und impliziert keine Fragen, vielmehr liefert sie bereits die „passenden“ Antworten. Zur Weiterentwicklung ist Zweifel und Wissensdurst jedoch nötig, denn die aus dem buchstabentreuen Glauben abgeleiteten pseudowissenschaftlichen Antworten behindern oder zerstören sogar die Möglichkeit ein realistisches und naturalistisches Weltbild auszubilden.
Natürlich hat jeder Mensch ein Recht zu glauben, was er möchte. Sobald religiöser Fundamentalismus jedoch öffentlich missioniert, muss er sich auch der Beurteilung seiner Aussagen stellen. Die gezielte Beeinflussung von vor allem Kindern und Jugendlichen liegt weit außerhalb einer geschützten Privatsphäre.
Der Fundamentalismus kann in der Hinsicht verlockend sein, dass er in der Lage ist
klare und unmissverständliche Antworten zu liefern und den Menschen somit von
seiner eigenen Denkarbeit und Weiterentwicklung zu entbinden. Das ist bequem, doch
leider auch verhängnisvoll, verzichtet der Mensch an dieser Stelle doch auf die
Freiheit seiner Gedanken zugunsten einer geglaubten postmortalen Sicherheit.
Es ist wichtig auf die Ausbreitung sowie die unerwünschten Konsequenzen des Kreationismus aufmerksam zu machen, sei es bezüglich ihrer Wissenschaftsfeindlichkeit oder auch ihres veralteten Menschenbildes. Die Vermittlung und Verbreitung von Informationen über kreationistische und missionierende Gruppierungen soll somit Ziel dieses Mediums sein.
„Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen.“
― Immanuel Kant
Aktuelles zur Anwesenheit der "Soulsaver" auf Musik-Festivals
Im Anschluss an die Recherchen zum Artikel "Soulsaver – Turn or Burn" fragten wir bei den anderen Festivals an, die auf der Homepage der "Soulsaver" also Missions-Orte zu finden waren, ob diese dort nach wie vor gastieren.
Dabei erfuhren wir, dass die "Soulsaver" auf Festivals, die von "FKP Scorpio" veranstaltet werden, schon seit knapp 5 Jahren Platzverbot haben. Dazu gehören unter anderem auch die im Artikel erwähnten Festivals "Chiemsee-Reggae-Summer" und "Southside". Außerdem teilte man uns mit, dass auch das "Sonnenrot"-Festival bereits Abstand von den Soulsavern genommen hat.
Interessant. Gut einen Monat nach Veröffentlichung des Artikels "Soulsaver - Turn or Burn" verschwanden die Bilder des besagten "Turn or Burn" –
Autos auf den Seiten der "Soulsaver". Was sagt man dazu?
Schade jedoch, dass sich der Slogan immer noch an anderer Stelle auf ihrer Seite findet, wo es heißt "Turn or burn. Bekehre dich lieber heute, morgen könnte es zu spät sein."1
Wenn schon, dann doch bitte ganz aufräumen, liebe Soulsaver!
Sind das Spuren von Einsicht, dass der von ihnen gewählte Slogan natürlich Unsinn ist und sie sich damit zum einen lächerlich machen und zum anderen Menschen diskriminieren, die nicht ihr eigenes eingeengtes Weltbild teilen?
Leider ist das offensichtlich nicht der Fall, da die restlichen menschenverachtenden Beiträge und Aussagen weiterhin ihren Platz im Online-Auftritt der "Soulsaver" finden.
Falls jemand Interesse an dem Bild des Autos haben sollte, lässt es sich noch hier ansehen.
[1] http://www.soulsaver.de/blog/2009/11/2012-geht-die-welt-nicht-unter/
Ein Kleinwagen parkt vor einem Gebäude. In blauen Lettern vor lodernden Flammen prangt im Graffiti-Style der Slogan "turn or burn" (z. dt.: "Kehre um oder brenne") auf dem Wagen1. Er gehört einer evangelikalen unabhängigen Glaubensgemeinschaft aus Süddeutschland, die sich "Soulsaver" (z. dt.: "Seelenretter") nennt. Das Bild ist auf ihrer Homepage, die auf mehreren verschiedenen Sprachen existiert und über zahlreiche Domains erreicht werden kann, wie auch auf ihrer Facebook-Seite zu sehen. Hier gibt es neben Audiodateien und Filmen nahezu täglich neue Artikel und Blogeinträge zu aktuellen Themen, die sie in Bezug zu ihrer Religion setzen. Die "Soulsaver" sind eine durch Spenden finanzierte Organisation, deren Lehre auf der wörtlichen Auslegung der Bibel basiert.
2010 auf dem Rock im Park Festival in Nürnberg
Ein großer roter Bus besprüht mit den Slogans "Bitte lies die Bibel"1 und "Jesus lebt" steht zwischen den verschiedensten Non-Food-Ständen auf dem Festivalgelände. Vor dem Bus findet man viele Tische voller ausgebreiteter Bücher. Ein junger Mann reckt seinen Arm in die Höhe, in der Hand eine Bibel. „Was viele ja gar nicht wissen: Die Bibel ist ein höchst wissenschaftliches Buch!“, höre ich ihn sagen. Johannes heißt er. Er ist ein christlicher Missionar und bezeichnet sich selbst als Helden, der das Wort der Bibel verkündet, ebenso wie seine Kollegen, die damit beschäftigt sind, Festivalbesucher in Gespräche über Gott zu verwickeln und ihre Bücher zu verschenken.
Man findet die "Soulsaver" nicht nur in Nürnberg auf dem Rock im Park, sondern auf diversen Festivals und Konzerten vorwiegend im süddeutschen Raum (Southside Festival, Summerjam, Chiemsee Reggae Summer, Sonnenrot Festival, splash! Festival), an Samstagen in der Münchener Innenstadt, auf Gothic-Treffen, auf dem Oktoberfest in München und natürlich – im Internet. Auf ihrer Seite schreiben sie selbst, sie seien „ja auf nahezu jedem Festival zu finden“2.
In ihrem ebenfalls zum freien Download angebotenen Bücher-Repertoire finden sich Bücher wie beispielsweise "Rock im Sarg", in denen neben Biographien früh verstorbener Größen der Rockmusik auch der Schluss zu finden ist, dass Rockmusik tödlich sei3. Ungeachtet der jeweiligen Todesursachen werden hier die verschiedensten Musiker gemeinsam in eine Schublade gesteckt, ob Drogensucht, Suizid, langwierige und unheilbare Krankheiten, Mord oder Unfälle. Passenderweise sind Rockfestivals und das Rock im Park im Speziellen für die "Soulsaver" somit gottlose Orte, die „für falsche Freiheit und ungezügelte Orgien aus Drogen[,] Sex, Bier und Lärm“4 stehen und den Menschen „weg vom Schöpfer“4 lenken. Rockmusik – das sei „Gehirnwäsche“5 für die Massen, vor allem für Kinder und Jugendliche.
Auf ihrer Homepage ist ein Film über das Rock im Park Festival zu sehen, der versucht, das Festival in einem extrem schlechten Licht darzustellen, wobei durch Bibelzitate zum Verfall der Menschheit ein grotesker religiöser Zusammenhang konstruiert wird. Das allerdings ist wenig verwunderlich, wenn man die Ideologie der "Soulsaver" betrachtet. Dazu reichen ein paar Minuten auf ihrer Website oder ein kurzes Gespräch an einem ihrer Stände, denn sie bedienen alle gängigen Vorstellungen, die man von fundamentalen christlichen Kreationisten erwartet: Sie diskriminieren offensiv Homosexuelle und Transgender, bezeichnen diese sexuellen Neigungen gar als „Verrücktheiten und Perversitäten“6, die man heilen könne, wenn man nur fest genug an Gott glaube und motiviert sei, das „Problem mit der Homosexualität zu überwinden“7. Sie gehen sogar soweit, eine statistisch höhere Selbstmordrate bei Homosexuellen als Indiz dafür heranzuziehen, dass Homosexualität unnatürlich sei8 – ungeachtet der Rolle, die sie selbst als Fundamentalisten in dieser Statistik spielen. Sie schüren Homophobie und erschweren so das Leben schwuler und lesbischer Menschen in unserer Gesellschaft, indem sie direkt gegen Aufklärung und Gleichberechtigung arbeiten.
Doch nicht nur der Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Menschen wird von ihnen verachtet, auch Sex außerhalb der Ehe ist ihnen ein Dorn im Auge, da es ihrer Meinung nach dem Gesetz Gottes widerspreche: „Der Schöpfer kennt sich damit am Besten aus, denn es ist seine Erfindung“9. Ähnlich steht es mit Pornographie, von der sie behaupten, sie führe zu Pädophilie, Sodomie und Nekrophilie10, sowie zu Masturbation, die sie als „Selbstbetrug“11 deklarieren. Pornographie ist sicherlich nicht auf allen Ebenen unbedenklich, jedoch veranschaulicht dieses Beispiel sehr gut, wie willkürlich ihre Behauptungen und wie verblendet ihre Schlüsse sind. Mit dieser weltfremden Sexualmoral versuchen die "Soulsaver" jungen Menschen ein schlechtes Gewissen einzureden und bringen diese natürlichen sexuellen Verhaltensweisen in Zusammenhang mit ewiger Qual in der Hölle. Es ist befremdlich anzuschauen und besorgniserregend zugleich, wie sehr die Ethik der Evangelikalen aufgrund einer engstirnigen, fundamental religiösen Weltanschauung gegen die natürlichen, biologisch begründeten Bedürfnisse des Menschen gerichtet ist.
Ebenfalls diskriminieren sie Andersgläubige sowie Atheisten12 und karikieren deren Weltbild bis ins Unkenntliche: „Wenn es keinen Gott gibt, dann ist alles erlaubt“13 ist eine Botschaft ihres Videos "Atheismus-Wahn". Dabei wird diese von Fjodor Dostojewski stammende Aussage, die Jean-Paul Sartre verwendete, um zu zeigen, dass der Mensch sich nicht auf eine gottgegebene Moral stützen könne, ins Gegenteil verkehrt und für die eigenen Zwecke missbraucht. Sie drohen Menschen, die einer anderen oder keiner Religion anhängen, mit dem ewigen Feuer, versuchen Angst zu schüren, indem sie von Sünden, Vergebung und der ewigen Verdammnis erzählen. Sie sehen in der Umkehrung von der Sünde und der Annahme von Jesus und dem christlichen Gott als Erlöser die einzige Möglichkeit der Hölle zu entgehen. "Turn or burn" – das ist hier tatsächlich Programm, so absurd es klingen mag.
Diese veralteten und bibeltreuen Ansichten werden abgerundet durch eine Ablehnung der modernen Wissenschaft, im Speziellen der Evolutionstheorie14. Ihre Argumentation gegen die Theorie zur Entwicklung des Lebens fußt auf einer Unkenntnis der empirischen Befunde als auch einer Herstellung logisch und wissenschaftlich falscher sowie zirkulärer Begründungsstrukturen, womit sie letztendlich zu der Schlussfolgerung gelangen, dass ein „klarer Indizienbeweis“15 für eine göttliche Schöpfung vorliege.
Man gewinnt den Eindruck, dass naturwissenschaftliche Erkenntnisse hier nicht nur aufgrund mangelnden Fachwissens sondern vor allem aus ideologischen Motiven abgelehnt werden, um den Glauben an eine göttliche Schöpfung zu stützen, die vor höchstens 10.000 Jahren stattgefunden haben soll. Hierbei gilt der Leitsatz: Widerspricht die Wissenschaft dem Glauben an eine Schöpfung, ist sie fehlerhaft und teuflisch, stützt sie ihre Argumentation, ist sie ihnen gerade recht. Ohne irgendeine Quelle wird in dieser Manier beispielsweise darauf verwiesen, dass Fossilien als Belege für eine Sintflut und gegen ein Erdalter von 4,55 Milliarden Jahren angesehen werden müssen15. Es wird zudem auf philosophischer Ebene ein Bild konstruiert, welches Evolutionstheorie und christlichen Glauben als zwei miteinander konkurrierende Glaubensmodelle zeigt und sogar soweit geht, den Schöpfungsglauben als überlegene Weltanschauung darzustellen.
Auch in anderen Themengebieten vertreten die "Soulsaver" größtenteils wirre und fundamentalistische Ansichten. So sympathisierten sie etwa mit den Aussagen Eva Hermans16 zur Loveparade 2010 und halten Harry Potter für ein Werkzeug des Teufels, da es in den Büchern um Zauberei und Magie geht.17, 18 So sei es „Fakt“, dass „Inhalte von Buch und Film dazu motivieren, sich direkt mit teuflischen Mächten einzulassen.“18 Hier wird erneut deutlich, wie wenig die Fähigkeit zur Differenzierung vorhanden ist, deren Mangel auch bei der wörtlichen Auslegung der Bibel zum Ausdruck kommt.
All ihre Aktionen lassen den Schluss zu, dass die durch private Spender unterstützte Organisation über nicht unerhebliche finanzielle Mittel verfügt. So buchen sie Stellplätze auf unterschiedlichen Festivals – auf dem Rock im Park sind sie gar schon seit 20 Jahren vertreten – und erzielen dort keine Einnahmen, da sie ihre Bücher verschenken.
Ihre Bücher, ihre Homepage, sowie ihre Autos, Bullis, Wohnwagen und der Bus tragen allesamt ein Graffiti-Design, welches vor allem auf Jugendliche ansprechend wirkt und paradoxerweise Teil genau jener Jugendkultur ist, die sie ablehnen. Ihre Missionsversuche an Orten, an denen vorwiegend Jugendliche und junge Erwachsene zu finden sind, zeigen deutlich, dass sie genau auf diese Altersgruppen abzielen. Junge Menschen, die sich oftmals noch nicht viele Gedanken über ihre Weltanschauung gemacht haben, ja vielleicht gar auf der Suche nach dem Sinn in ihrem Leben sind – das sind die perfekten Seelen, die es zu fangen gilt. "Soulcatcher" wäre vielleicht ein passenderer Name, denn von Rettung kann kaum die Rede sein. Wovor sollen die Menschen gerettet werden? Davor, eine aufgeklärte und wissenschaftliche Sicht auf die Welt zu entwickeln?
Der Einfluss solcher Gruppierungen auf Jugendliche in Deutschland sollte keinesfalls unterschätzt werden, denn er wächst - nicht zuletzt durch die Möglichkeiten des Internets über Facebook, Twitter und Co. - stetig an und wirkt einer aufgeklärten Gesellschaft diametral entgegen. Niemand sollte einer Gruppierung Raum gewähren, die derart offensiv viele verschiedene Menschengruppen verurteilt und gleichzeitig eine der wichtigsten naturwissenschaftlichen Errungenschaften aus ideologischen Gründen leugnet. Man muss es so deutlich sagen: Solche evangelikal-fundamentalistischen Gruppierungen sind eine intellektuelle und gesellschaftliche Gefahr.
Das Rock im Park Festival geht hierbei mit gutem Beispiel voran: Die Festivalveranstalter, denen Toleranz wichtig ist, sind natürlich offen für die Teilnahme von aufgeklärten Christen, für die sie auch die "Soulsaver" bisher hielten. Nach einem Hinweis auf die Homepage www.soulsaver.de und somit auch den darin enthaltenen durchgehend negativen Film über das Festival, sowie deren kreationistische und homophobe Sicht auf die Welt, werden sie den "Soulsavern" nicht weiter einen Stellplatz auf dem Rock im Park vermieten. Dies bestätigte der Pressesprecher des Veranstalters "Argo Konzerte" Klaus Fischer, nachdem er darauf aufmerksam gemacht wurde, um was für eine Gruppierung es sich hier handelt.
Es bleibt zu hoffen, dass weitere große Veranstaltungen diesem vorbildlichen Schritt folgen werden, sodass den "Soulsavern" weniger Möglichkeiten geboten werden, ihre weltfremden, wissenschaftsfeindlichen und diskriminierenden Ansichten verbreiten zu können. Doch dazu ist es wichtig, dass die Öffentlichkeit erkennt, dass es solch religiös fanatische und radikale Gruppierungen in Deutschland gibt – ja, dass der wachsende Fundamentalismus Realität in diesem Land ist.
[1] http://www.soulsaver.de/#/szene/graffiti_2/
[2] http://www.soulsaver.de/#/blog/2008/08/-und-was-sagt-dein-gott-jetzt/
[3] http://www.soulsaver.de/?m#/musik/rock-im-sarg/
[4] http://www.soulsaver.de/?m#/blog/2010/07/rockfestivals-und-die-bibel/
[6] http://www.soulsaver.de/#/blog/2011/09/uebrigens-nicht-nur-bei-google-gibt-es-drei/
[7] http://www.soulsaver.de/#/article/homosexualitaet_3/
[8] http://www.gott.de/?m#/blog/2010/06/homosexuelle-nehmen-sich-haeufiger-das-leben/
[9] http://www.soulsaver.de/beziehung/sex_vor_ehe/
[10] http://www.soulsaver.de/?m#/beziehung/porno/
[11] http://www.soulsaver.de/#/beziehung/selbstbefriedigung/
[12] http://www.gott.de/?m#/glaube/nur1wegzugott/
[13] http://www.soulsaver.de/zeitgeist/du_bist_gefangen/
[14] http://www.gott.de/?m#/wissenschaft/evolution/
[15] http://www.soulsaver.de/#/wissenschaft/evolution_2/
[16] Herman ist Autorin und Fernsehmoderatorin, die auch für den aufgrund pseudowissenschaftlicher Inhalte äußerst umstrittenen Kopp Verlag tätig ist. Im Juli 2010 verfasste sie dort einen Artikel zum Unglück bei der Loveparade in Duisburg, bei dem am Vortag 21 Personen gestorben waren. Mit den Worten „Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen! Grauenhaft allerdings, dass es erst zu einem solchen Unglück kommen musste.“ deutet sie an, die Katastrophe sei eine berechtigte Strafe Gottes.
[17] http://www.soulsaver.de/?m#/blog/2010/07/loveparade-2010-the-art-of-love/
[18] http://www.soulsaver.de/?m#/medien/harrypotter/
(Stand 31.10.2011)
Ein Trailer. 7:35 Minuten. Play.
Eindrucksvolle Bilder strömen über den Bildschirm. Der Zuschauer wird mitgenommen auf eine Reise ins Weltall, auf einen Flug über die Erde, hinweg durch gigantische Wolken. Die Musik erinnert stellenweise an einen Hollywood-Blockbuster im Stile von Armageddon – große Gefühle werden vermittelt.
Gewaltige Gebirgszüge und schneebedeckte Berggipfel, plätscherndes, klares Wasser in Nahaufnahme, gigantische Wasserfälle, sich langsam öffnende Blumen in klaren und bunten Farben, Unterwasseraufnahmen in knallendem Türkis, bezaubernde Tieraufnahmen in der Wildnis, die Sonne, wie sie durch die dahin ziehenden Wolken bricht – beeindruckendes Bildmaterial. [1] Doch was steckt dahinter - welche Botschaft wird hier vermittelt? Wird vielleicht erklärt, wie wir die Sterne sehen und was wir über das Universum wissen? Wird sich vielleicht einfach an der Ästhetik unseres Lebensraums – der Erde – und allem was ihn umgibt, erfreut? Nein!
"Die Schöpfung – Die Erde ist Zeuge" lautet der Titel des beworbenen Films, der schon seit 2010 in verschiedenen Städten im deutschsprachigen Raum gezeigt wird und nach Angaben der Produzenten sehr hohe Besucherzahlen aufweisen kann. Mittlerweile wurde der Film niederländisch vertont und in einigen Tagen wird diese Tournee nun an verschiedenen Spielorten in den Niederlanden, Deutschland, Österreich und der Schweiz fortgesetzt werden. Der Fotograf und Filmer Henry Stober sammelte Bildmaterial auf fünf Kontinenten, welches anschließend zu einem 63 minütigen Spielfilm verarbeitet wurde. [2, 3, 4]
Seine atemberaubenden Bilder werden leider zu einem sehr zweifelhaften Zweck missbraucht, nämlich zu suggerieren, dass all die gezeigten Naturphänomene nicht durch den Prozess einer seit Milliarden Jahren andauernden Evolution entstanden sein könnten, sondern Ergebnis eines sechstägigen Schöpfungsaktes sein müssten: "Eine getreue Verfilmung der Schöpfungswoche nach dem Buch Genesis" lautet ein Untertitel, der während des gut siebenminütigen Trailers zu lesen ist. Die Stimme einer Frau erklärt: "Evolution und Schöpfung – zwei Weltsichten, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten - mit weitreichenden Konsequenzen für den Menschen." Der Mensch sei "kein Zufallsprodukt […], sondern die geniale Handschrift eines liebevollen Schöpfers" und es sei an der "Zeit für eine neue Aufklärung!".
Als "Aufklärung" kann ein Film, der auf der wörtlichen Auslegung der Bibel beruht und zudem Evolution und Schöpfung als zwei Glaubensmodelle gegenüberstellt, wohl kaum bezeichnet werden. Die Erde als Zeugen für eine sechstägige Schöpfung zu benennen und dabei gleichzeitig die erdrückenden Belege für ihre Evolutionsgeschichte unter den Tisch fallen zu lassen, das kann man nur grotesk nennen.
Neben dieser Schöpfungsgeschichte enthält der Film außerdem eine Zusammenfassung der Vortragsserie "Kreation versus Evolution" des Evolutions-Gegners Walter Veith sowie eine von ihm "persönlich erzählte Lebensgeschichte über seine spannende Kehrtwende vom Evolutionisten zum Kreationisten". [5] Der ehemalige Zoologie-Professor Walter Veith stammt aus Südafrika und war dort viele Jahre lang Hochschullehrer an verschiedenen Universitäten, bis er sich nach einem "Bekehrungserlebnis" (und nicht etwa aufgrund von wissenschaftlichen Fakten) dem Kreationismus zuwandte. Veith ist eng verbunden mit dem "Amazing Discoveries e.V.", über den der Film auch vertrieben wird. Der Verein ist international tätig und gehört zur protestantischen Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten, und deren Verantwortliche wollen nach eigenen Angaben "für das Allgemeinwohl wesentliche Informationen öffentlich zugänglich machen". [6, 7]
Auf der Website zum Film www.dieschoepfung.eu wird zudem angegeben, dass die Tournee durch die Schweiz im letzten Jahr neben der Freikirche der Siebenten-Tags-Adventisten unter anderem vom Arbeitskreis "Wort und Wissen" veranstaltet wurde. [8] Auch in den Niederlanden beginnen in wenigen Tagen die Vorstellungen, hier ist ebenfalls zu lesen, dass es sich um einen Initiative der Siebenten-Tags-Adventisten ("Zevende-dags Adventisten") handelt, welche mit "AdventMedia" (adventmedia.nl) sogar eine eigene Produktionsfirma vorzuweisen haben. [3, 9]
Für sämtliche Vorstellungen ist der Eintritt kostenlos, außerdem ist nach eigenen Angaben sogar eine Welttournee geplant. Angesichts der aufwendigen Produktion, der der Moderator Elmar Gunsch seine Stimme leiht, und für die sogar eigens ein Soundtrack (Dominik Buchner) komponiert wurde, scheint es den Verantwortlichen an finanziellen Mitteln somit nicht zu mangeln. [2, 4, 5]
Am kommenden Montag, den 12.03.12, wird der Film nun in Hannover in zwei Vorstellungen im "Theater am Aegi" gezeigt. [4, 10] Die Verantwortlichen des Theaters haben offenbar keine Bedenken einem solchen Film eine Plattform in der Öffentlichkeit zu verschaffen. Auf unsere Nachfrage hin, weshalb das "Theater am Aegi" derartig fundamental-religiöse Inhalte in ihren Räumlichkeiten präsentieren möchte, erhielten wir die Antwort, dass es sich "hierbei […] um eine Glaubensfrage" handele und dass sie "nichts Gefährliches in dieser Veranstaltung" sähen, "in der lediglich jemand seine Sicht der Dinge darstellt".
Wissenschaftsfeindlichkeit und die Leugnung einer der am besten belegten Theorien der Naturwissenschaften sind jedoch keine "Glaubensfragen" – auch dann nicht, wenn dies aus religiösen Gründen geschieht. Der Kreationismus im deutschsprachigen Raum ist ein Problem, das kaum allgemein wahrgenommen wird, sodass die Bedenken gegen eine derartige Form der Glaubensauslegung leider häufig gar nicht erst zur Kenntnis genommen werden. Wenn die Verneinung von Naturwissenschaft im Allgemeinen und der Evolutionstheorie im Speziellen (einschließlich fundierter Erkenntnisse der Geologie, Astronomie und Kernphysik) im Mantel der Naturdokumentation verhüllt wird, dann geht sehr wohl eine intellektuelle Gefahr von solchen Filmen aus. Dieser Film ist ein gut aufgemachtes Propagandamedium des Kreationismus, das auch als solches enttarnt werden muss.
[1] http://www.dieschoepfung.eu/trailer
[2] http://www.dieschoepfung.eu/film
[4] http://www.dieschoepfung.eu/termine
[5] http://www.amazing-discoveries.org/item_show.asp?menuID=24&sort=Mediumtext,Referent,item&code_no=380
[6] http://www.amazing-discoveries.org/ueber_uns.asp
[7] http://www.amazing-discoveries.org/referenten.asp#id1
[8] http://www.dieschoepfung.eu/swisstour2011
[9] http://www.adventmedia.nl/index.php?option=com_content&view=article&id=55&Itemid=56
[10] http://www.theater-am-aegi.de/
Nur wenige Sitze blieben
leer am Montag in Hannover. Im "Theater am Aegi" begann um 16.30 Uhr die erste
von 2 Vorstellungen mit dem Titel "Die Schöpfung - Die Erde ist Zeuge".
Der Saal ist gefüllt – vor allem mit Senioren und jungen Familien. Es sind viele Kinder anwesend an diesem Montagnachmittag. Nach ein paar einleitenden Worten eines Sprechers der Adventgemeinde Hannover-Süd betritt der Initiator des Films Henry Stober die Bühne.
Er ist jung, dynamisch und charismatisch und erzählt begeistert von der Entstehung seines Films, seinem christlichen Elternhaus und von dem Kindheitstraum Australien zu entdecken. Er berichtet fasziniert von der Variation der Flora und Fauna Australiens um zu der Frage überzuleiten, ob all das wirklich zufällig entstanden sein kann. Er fragt energisch in die Runde: "Wer von euch glaubt ein Produkt des Zufalls zu sein?" Den wenigen Menschen, deren Hände sich heben – ich zähle 3, inklusive meiner – verspricht er, sich im Anschluss an die Vorstellung mit ihnen zu unterhalten, sodass keiner nach Hause gehen und noch an die Evolution glauben muss.
Den Titel der Veranstaltung interpretiert Stober auch äußerst eigenwillig. Die Erde ist Zeuge – "und wenn etwas Zeuge ist, dann ist das ein Beweis". Ein Beweis?! Diesem "Beweis" gegenüber stellt er die Evolution. Die sei nur eine Theorie. "Das ist sie, das war sie, und das bleibt sie". Leider ließ sich anschließend nirgends im Foyer ein Henry Stober finden, ich hätte ihm gerne erklärt, dass sein Verständnis der Worte "Beweis" (vgl. Carone, 2009) und "Theorie" (vgl. wikipedia "Theorie") völlig an der Wortbedeutung vorbeigeht.
Auch die Lehre der Evolutionstheorie an Schulen heißt er nicht gut, er findet es traurig, dass die Richtlinien einen Biologieunterricht inklusive Evolutionstheorie fordern und betont, das sei "kein Spaß, sondern todernst". Somit sei es Zeit für eine neue Aufklärung! Und ein Instrument dieser Aufklärung solle der Film sein, den bis zu diesem Tag angeblich bereits 60.000 Menschen gesehen haben. Der Film solle zum Nachdenken anregen und zeigen, dass die Welt nicht durch Zufall entstanden ist, sondern durch einen göttlichen Schöpfer. Der Zufall hat es ihm wohl angetan, denn den betont er an diesem Montagnachmittag besonders häufig. Dieses falsche Zufallsverständnis (vgl. Neukamm, 2004) stellt anschließend auch Walter Veith in dem aufgezeichneten Vortrag unter Beweis, der vor dem Film über die Schöpfung gezeigt wird.
Während des Vortrags präsentiert Veith ein älteres Interview mit Richard Dawkins, welches mit dem abenteuerlichen Fazit abschließt, dass selbst Dawkins kein Problem mit Intelligent Design habe. Veith betont, dass er einst selbst war wie Dawkins – Atheist und überzeugt von der Evolution. Den Grund sieht er in einem schiefen Gottesbild, welches er damals hatte und welches seiner Meinung nach die heutige Welt prägt. Dennoch verurteilt Veith die Versuche liberaler Christen die Evolutionstheorie mit dem biblischen Schöpfungsbericht zu vereinbaren, denn für seine Thesen ist ein wörtliches Verständnis der Bibel auschlaggebend. Der Tod als Folge der Sünde und die darauf folgende Konsequenz seien nicht vereinbar mit dem Evolutionsgedanken, der den Tod als Weg zur Weiterentwicklung sieht. Dass es sich hierbei einmal um einzelne Individuen handelt und einmal um alles existente Leben als Ökosystem, scheint ihn nicht zu interessieren. Als Evolutionsgegner leugnet Veith natürlich die Entstehung neuer Arten. Um die Veränderlichkeit innerhalb der Arten erklären zu können, spricht er von einer "enormen Variationskapazität", die Gott in jeden Organismus eingebaut habe. Zudem geht er tatsächlich davon aus, dass alles Leid erst nach dem Sündenfall in die Welt kam, so wie auch Pflanzen mit Dornen, Parasiten, Fleischfresser und der Tod.
Über eine künstliche Trennung von Genotyp und Phänotyp versucht er zu erläutern, weshalb natürliche Selektion nicht funktionieren kann. Die Selektion erfolge nur auf Ebene des Phänotyps und somit wäre unklar, woher die Änderungen des Genotyps kämen. Die Evolution würde lehren, dass dieser "Bauplan" rein zufällig entstanden ist – was natürlich auch an dieser Stelle nur nochmals das groteske Zufallsverständnis dieser Kreationisten enttarnt.
Der Film beginnt.
Während des Intros läuft die Jahreszahl von der Gegenwart rückwärts. Es werden Gegenstände und Personen der jeweiligen Zeit eingeblendet: Erfindungen der Neuzeit, Hitler, Darwin, Luther, Jesus am Kreuz, antike Pyramiden und - ebenfalls geschichtlich eingeordnet - die Arche Noah. Beendet wird diese Rückschau bei etwas unter 4000 Jahren v. Chr. mit einer Abbildung von Adam und Eva. Schon an dieser Stelle ist eigentlich alles gesagt und ich habe Mitleid mit den vielen jungen Kindern, deren Geschichtslehrer in diesem Moment einen Haufen zusätzliche Arbeit bekommen haben.
52m2 Leinwand werden mit Naturaufnahmen aus den verschiedensten Winkeln der Erde gefüllt, die zuvor sorgfältig in die sechs Tage der Schöpfung einsortiert wurden. Elmar Gunschs Stimme unterlegt die sechs Schöpfungstage. Sie ist jedoch nicht allzu häufig zu hören, immerhin wurde hier 1. Mose 1 auf 60 Minuten gestreckt. Trotz der schönen Aufnahmen ist der Film langatmig. Als am sechsten Tag endlich die Landtiere geschaffen werden, wird versucht durch viele Tierbabys und zwinkernde Säuger eine heitere Stimmung zu erzeugen. Der sechste Tag – nun kann auch die Erschaffung des Menschen beobachtet werden. Menschliche Hände lassen sich vom oberen Bildrand hernieder und graben und kneten in handelsüblicher Gartenerde, bis schließlich ein Mensch geformt ist. Ein magischer Wisch mit den Handflächen über diesen Erd-Menschen und schon liegt ein fertiger Homo Sapiens auf der Erde. Leben eingehaucht und auf geht’s – Adam geht seine ersten Schritte im Garten Eden, auch Eva taucht plötzlich auf.
Die Musik wird dramatischer als Eva allein durch den Garten schlendert und schließlich einer Schlange begegnet. Wohl in Ermangelung einer existenten sprechenden Schlange wurde eine Stimme über die mit der Zunge zischelnde Schlange gelegt. Eva beäugt gierig den Apfel und greift nach oben – in diesem Moment wird der Höhepunkt der Absurdität erreicht: Es werden Tiere eingeblendet, die durch geöffnete Münder oder weit aufgerissene Augen erschrocken aussehen sollen. Eva schnappt sich den Apfel, die Musik tut ihr übriges dazu, die Leinwand ist schwarz und Henry Stober springt in einem Lichtkegel auf die Bühne, einen überdimensionalen Apfel in der Hand.
Zum Abschluss erzählt er nun von einer Wunderheilung, die ihm in Afrika einst das Leben rettete. Mit 42° Fieber betete er mit letzter Kraft zu Gott und noch bevor er "Amen gesagt hatte" stand er auf und "war so gesund wie jetzt". Seit diesem Zeitpunkt verkündet er Gottes Wort, die Lehre von einer Schöpfung und außerdem die Idee einer Rückkehr des Herrn um die Menschen zu retten, die an ihn glauben.
Stober gibt sich insgesamt sehr fasziniert von der Natur. Das ist wohl der einzige Punkt, an dem wir eine Gemeinsamkeit haben. Die Schlüsse, die er daraus zieht und die er hochtrabend als "Beweise" bezeichnet, widersprechen jedoch nahezu allem, was die Wissenschaft heute weiß.
Zu aller Ironie der als so perfekt gelobten Schöpfung wird zur Bewerbung des Films ein Bild verwendet, welches dem Fotografen wohl noch nicht perfekt genug war. Frei nach dem Motto "Was der Schöpfer kann, das kann ich besser" wurde hier mit Photoshop nachgeholfen.
Ironie kann kaum in passendere Formen verpackt werden.
[1] Carone, L. (2009) " "Wissenschaftlich bewiesen" gibt es nicht",
http://www.scienceblogs.de/planeten/2009/06/wissenschaftlich-bewiesen-gibt-es-nicht.php
[2] Neukamm, M. (2004) „Evolution: kein Zufall! - Über die Argumentation mit der Wahrscheinlichkeit“, http://www.martin-neukamm.de/zufall.html
[3] http://de.wikipedia.org/wiki/Theorie
(Stand 14.03.12)
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